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Grenzen des Verstandes
Als Student las ich wissenschaftliche Aufsätze, setzte mich mit Theorien auseinander und es machte mir Freude, meinen Verstand auszuprobieren und zu schulen – innerhalb und außerhalb der Universität. Ich hatte Freude daran, über andere Formen des Zusammenlebens nachzudenken und gute Lebensweisen zu erproben. Dann fiel mir ein Buch in die Hand, das von ganz anderer Art war, als alles was ich zuvor gelesen hatte. Ich wußte bereits nach wenigen Seiten, dass ich mit dem denkenden Verstand niemals würde erfassen können, wovon hier die Rede war. Ich wandte mich dem Zen zu, begann zu meditieren und fand einige Jahre später einen Lehrer – welch ein Glück!

Erste Gehversuche
In meiner ersten Stelle musste ich schmerzlich erfahren, dass es vieles gibt, worauf mich meine bisherige Lebenserfahrung nicht vorbereitet hatte – schon gar nicht das Studium! Ich durfte jedoch mit einer erfahrenen Psychologin zusammenarbeiten. Sie hatte mehr Psychiatrie-Erfahrung, als ich Jahre auf der Welt war. Dennoch schien sie in mir einen vollwertigen Kollegen zu sehen, war stets neugierig auf meine Sichtweisen, begegnete mir mit klarem, geraden Blick, großherzig und voller Vertrauen in meine Fähigkeiten – welch ein Geschenk!

Lernfeld Ruhrgebiet
Ein entscheidender Entwicklungsschritt (nicht nur) als Psychotherapeut war die Niederlassung im Ruhrgebiet und die Gründung einer Praxisgemeinschaft mit einem Freund. Anfangs jeweils mit nur wenigen Jahren Berufserfahrung schufen und kultivierten wir mit- und für einander – und für andere – ein gutes Entwicklungs- und Lernfeld. In der größten deutschen Metropolregion begegnete ich Menschen aus vielen verschiedenen Kulturen, aus vielen Bereichen der Gesellschaft und sammelte Erfahrungen mit einem weiten Spektrum menschlicher Lebens- und Verhaltensweisen und zahlreichen Facetten des menschlichen Geistes.
Hinwendung zur Entwicklung von Erwachsenen
Spätestens mit der Annahme einer Stelle an der Universität Erfurt im Oktober 2013 begann ein Prozess der Loslösung von der Psychotherapie. Ich begleitete Studierende in ihren Lernprozessen, forschte, promovierte und wandte mich zunehmend der Supervision von Kolleg:innen in schwierigen Arbeitsfeldern zu, der Ausbildung von Psychotherapeut:innen sowie dem Coaching von Fach- und Führungskräften. Außerdem fanden mich mehr und mehr Menschen, die außergewöhnliche Erfahrungen integrieren wollten und Begleitung suchten auf ihrem Entwicklungsweg.
Lebenserfahrung
Ganz nebenbei lernte ich tiefer verstehen, wie unsere Gedanken und unsere Handlungen in der Welt fort- und auf uns selbst zurückwirken; ich sammelte, wie man so sagt, jede Menge Lebenserfahrung. Meine inzwischen erwachsenen Söhne, denen ich – ein paar Jahre alleinerziehend – ein allenfalls leidlich guter Vater war, haben mein begrenztes Verständnis mit mir durchlitten und mir dabei geholfen, ein wenig tiefer zu schauen.
Etwas salopp kann ich heute meine Erfahrung so zusammenfassen: Kaum macht man zigtausend Sitzungen in den Formaten Psychotherapie, Supervision und Coaching (und dabei den ein oder anderen Fehler), sitzt über Jahrzehnte immer wieder meditierend auf einem Kissen und scheitert täglich nach Kräften im Alltag – schon bekommt man eine Ahnung, wie die Dinge zusammenhängen könnten und wie das Leben sich lebt.



